Deutsch
  Vepra     Botime tė reja     Nga shtypi     Intervista     Kritikė     Ese     Debate     Franēais     English     Ekspozita e poezisė     Kontakti     Copyright     Biografia  
Gedichte
Indeksi:
aktuale

Zeit vor der Zeit


Poesie von “Netëve të verës” («In Sommernächten»)
und “Fusha e plagosur” («Vewundetes Feld»)
Übersetzt von Hans- Joachim LANKSCH

(Zeit vor der Zeit)
Staub
Und Zeug der Kinderzeit
Weggeworfen unachtsam
Ungeordnet.

Kein Museum ist so.
Keines.

Die Regale der Erinnerungen
Durcheinandergeworfen Jahre hindurch
Sie wiegen schwer
Zeit vor der Zeit.

Dieses museum
Hat keine Besucher.

Alter Winkel
Mit Jugend fetzen,
Mit Lächeln und Jammern,
Gefaltet, zerknittert.

Nicht auf der Reihe
Niht im Einklang.


DER BALKAN

Auf der Landkarte Osteuropas
Wurdest du kalt gezeichnet, genau.

Der Geschichtslehrer ind der Grundschulklase
Hat die Krige erklärt. Die Kriegszüge.

Die Schlacht auf dem Amselfeld…
Und in Schluchten
Viele Kämpfe, viele Hinterhalte.

Ins Mittelmeer hast du deine Nase gesteckt, die Nase aus Erde, aus Stein.
So weit, wie zu erstarren und zu Schlagen vermochten Schwert und Prügel.
Balkan. Orkan. Eiskalt.

Und in Schluchten Hinterhalte.
Und auf Pfaden Verrat.
Balkan. Orkan.

Erschaffen aus Waser, Erde und Feuer.
Erschaffen aus Glidern und Blut.

RITTER

Auf dem Schlachtfeld wirst du Lider anstimmen.
Dann wird dein Name auf einem Fetzen Papier stehen
Und die anderen wissen Was für ein Ritter du Warst,
Im Herzen der Schlacht, an den Ecken der Schlacht,
In der Vorhut der Schlacht, ausserhalb der Schlacht.
Auf dem Schlachrfeld Wirst du Lieder entfachen.

Auf dem Schlachtfeld wird Liebe gekreisst.
Alle werden nur vof Liebe reden.
Abends wird das Mädchen an die schwarzen Augen denken,
Die Archäologen werden über die Spuren des Schwertes reden.
Alle werden einen Sommer voller Blumen vor Augen haben.
Auf dem Schlachtfeld wird Liebe nicht sterben.

Auf dem Schlachtfeld wirst du den Schimmel gewinen
Wirst davonstieben in irrem Trab,
Auf langen Stassen mit Staub und Hitze Wirst du einherziehen,
Wirst zum grünen Wald gehen,
Die Schreckenstbotshaft zu überbringen
Von Schwertern und Spiessen die im Feld stecken.
Auf dem Schlachtfeld wirst du den Schimmel satteln.

Auf dem Schlachtfeld wirst du das blitzende Schwert zücken
Im langen Duel mit dem Soldaten des Unheils, dem Soldaten des Unheils.
Eure Blicke werdet ihr kreuzen, Drohungen und Hitze des Blutes.
Unerwartet werden euch eure Berge einfallen, die Heimat,
Ihr werdet wild losstürzen, euch selbst das Grab auszuheben.
Auf dem Schlachtfeld wirst du das blizende Schwert schwenigen.

Auf dem Schlachtfeld wirst du für Sonne und Mutter deine Herz geben.
Der Soldat des Unheisl wird nicht durchmessen dein Herz.
Das Feld wird bluten, wird brenne, wird leuchten.
Nur ein Lufthauch in Mohnblumen wird wandern durcht Feld.
Auf dem Schlachtfeld wirst du dein Herz geben für Sonne und Mutter.

NACHT AUF DEN SCHULTERN

Alles ist ein Spiel ist kein Spiel
Wenn du schlenderst den Tag die Schulter nummst,
Kommt die Stunde dir vor wie die Gewehrkugel überm Lid.
Du bist zum Wind mir geworden, zum Wind aus Norden
Nach und nach geht dem Menschen die Seele verloren
Der da Tränen vergiesst an jeden Stamm
Der Abend wird erschlagen in deinen hohlen Kopf.

Alles ist ein Spiel ist kein Spiel.
Wenn das Dach deines Verstandes leck ist,
Kommt die Stunde dir vor wie die Gewehrkugel überm Lib
Die Nacht schulterst du,
Wenn dein Garten verwandelt ist in Morast:
Wie gelangst du hinèber ohne Brücke
Mit schweren Steinen der Sünde!

IM FLÜCHTLINGSHEIM

Der hohen Pappel im Hof daheim
Droht jetzt die Axt des Vaters!

Mein Traum nicht dieser Keller hier
Mit seiner Feuchtigkeit und kleinen Fenstern
So sehr sehe ich das Weisse Feld
Vor meinem Haus und die hohe Pappel im Hof.

Mein Vater denkt früh und spät sie an der Wurzel abzusägen
Ich bin für ihn aus den Augen aus dem Sinn, nicht im Hof, nicht auf der Strasse
Und er zählt mich zu den Toten
Schlimmer als niedergestreckt von einer Kugel.

Der hohen Pappel im Hof daheim
Droht jetzt die Axt des Vaters!

ERSTES GEDICHT IN DER EMIGRATION

Erschlagnes Lied
Auf schwarzem Asphalt, heissem Asphalt
Treten dich Räume, Weiten
Es wäscht dich nicht der Lepenc-Fluss mit Tränen
Es wärmt dich nicht das Sharr-Gebirg mit Schnee
Dich heilt kein Kraut im AmselFeld.

Erstandnes Lied
Aus meiner Seele, meinem warmen Blut
Dich werd ich putzen dich kosen mit Träumen
Dich werd ich tauchen in die Mähnen des Lepenc
Dir den Sharr aufsetzen als Krone
Auf Wundem Feld, dem AmselFeld.
1984

MICH LEBEND ZU SEHEN

Im Winter gab‘s keinen Schnee
Sondern Frost, nur Frost.
Ich liebte dich in Frost ohne Schnee
Unsere Liebe hatte keinen Schnee
Hatte Frost
Eiseskälte.
Die Alpen froren wie ich
Weit fort, Liebste
Weit fort von Mutter von Kosova
Nichts half mir
Dass mir der Frost nicht ins Herz kricht
Und Schnee fällt
Auf mein Haar
Auf mein Denken.
Duschriebst mir du wirst kommen
Um mich lebend zu sehen, lebend
In Büchern, in Liedern
Irgendwo auf den Alpen
Wie auf purpurnen Gedanken
Um mich zu retten vor Schnee
Vor Frost, vor Eiseskälte.
Damit in meiner Seele
Das Schneeglöckchen überlebt
Das letzte im März
Am Anfang des Frühlings
Wo bist du jetzt?
Warum kommst du nicht
Warum schweigst du so schrecklich
So grausam.
Komm, mich lebend zu sehen.
Lebend!

MORALISCHER AKT

Lasst mich ruhig in meinen Kummerhend
Lasst mich elend auf meinen gläsernen Beinen
Lasst mich betrübt auf meinem Ölbaumzweig
Lasst mich kühl auf meinem aschigen Berg
Lasst mich sternig auf meiner balkanichen Insel
Lasst mich mainen uralten Spross zur Welt bringen
Lasst mich sterben in meinem turmingen Lied
Oh, lasst mich bitte
Lasst mich satt werden an meiner sterblichen Luft.

ICH WERDE KOMMEN ALS REGEN

Ich werde kommen als Regen urplötzlich eimerweise schütten.
An das Fenster deines Herzens im warmen Sommer.
Auf den weissen Laken des Denkens wasserreich schwimmen.
Ich werde kommen als Regen urplötzlich eimerweise schütten.

Als Regen werde ich kommen unmerklich unter deine Haut mich schleusen.
In Gedanken warm dich berühren mit unsichtbaren Fingern.
An deinem Himmel gefrorener Tränen fröhlich platschen,
Als Regen werde ich kommen unmerklich unter deine Haut mich schleusen.

Ich werde kommen als Regen werd ich kommen
Zu löschen das Feuer des Sommers zu erwärmen die Kühle deines Winters
Unverhofft mich in dich legen und nicht mehr weichen von dort
Ich werde kommen als Regen, als Regen werd ich kommen —
einen Regenfreudenbogen erchaff ich dann bei dir.

AUF VULKANISCHEM EISBERG

(Erstes Motiv)

Du kamst gefühlsbeladen
Auf den eisigen Montblanc, brachtest
Das aufgewirbelte Lied des sturmgepeitschten Tals
Des orkangepeitschten Meers.
Noch ist September. So möchte ich
Dass es immer ist: Herbst,
Gereift mit deinem Empfinden
Denn der September ist mein Monat
Der Geburt, des Todes, der Wiedergeburt,
Des Hasses, des Grimms,
Des Liedes und der Liebe meines Lebens zu dir.

(Zweites Motiv)
Du flohst aus dem Süden. Flohst
Mit dem Zug meiner Vögel des Grams!
Mir blieb allein das Lied
Über das verbrannte Feld, das Meer im Sturm,
Dein Gefühl, brennende Leidenschaft. Menschenfeuer
Im Schnee des Montblanc,
Auf meinem mondischen Eisberg,
Auf meinem vulkanischen Eisberg.


JEDEN DONNERSTAG WECHSELT DIE WERBUNG

1.
Die Werbung hat gewechselt. Heute war Donnerstag. Ein belangloser Tag,
Des Stad hat sich Werbung reingezogen, hat sich ein neues Gewand angezogen.

Werbung für Kalbfleisch, für Lämmer zu Füssen der Alpen,
Unterm Montblanc, unterm Pilatus. Angeschlagen wurde die Werbung,
Angeschlagen von Arbeitern der städtischen Betriebe am üblichen Platz.

Esst, Leute, Kalbfleisch, Lammfleisch,
Das ist nämlich das Geschenk für den Stärksten,
Das ist nämlich das Geschenk für den Siegertypen, für den Sieger.

2.
Die Werbung kam heute in die Stadt. Heute ist Donnerstag, wieder ein neuer Tag,
Die Stad schweigt am Rand des Sees, hoch über SWitzerland,
Gewechselt hat die Werbung für die neue Mode des alten Jahunderts,
Für die alte Mode des neuen Jahrhunderts!

3.
In Genf, in Zürich… in ganz Switzerland
Jeden Donnerstag wechselt an den Plakatwänden die Werbung:
Für Fleisch, für Mode, für Sex,
Für den Kopf, für das Bein, für die Technik,
Für die Kybernetik…

Morgen wird wieder ein Donnerstag sein! Nicht von Belend.
Nach Kosova kommen sie dann mit schwerem Geschütz light wie in der Werbung
Aus Belgrad kommen sie mit 2000 unheilsschwarzen Polizisten!

4.
Kosova hat eine immerwährende Reklame
Vor aller Welt Augen!
Da! Jetzt gerade, Moment mal, dort - dort wird ein neues Verbrechen verübt
Von den 2000 unheilsschwarzen Polizisten!
Zürich, den 2. Februar 1990


MORGEN IM REGEN

Der Morgen ist regennass.
Hat den Asphalt durchnässt und mein Denken,
Regentröpfchen an seiner Oberfläche
Pochen wie an Fensterscheiben
Du kiummst mit dem Regen und lächelst. Noch mehr regnet‘s.
Der Morgen in der Stad ist klatschnass.
Auch den Mittag mag ich nicht mit Schatten auf deiner Stirn.
Der Abend wird leer sein
Also lächle! Die Sonne geht dir auch Abend auf!


AUF ROUSSEAUS INSEL

Jean! Sehr nachdenklich hockst du da auf dicken Büchern,
Büchern über Emile, den Gesellschaftsvertrag, über usw, usw.!…

Deine imaginäre Insel ist Wohl nicht mehr still, Jacques!
Der Krach in Genf betäubt die Ohren:
Konferenzen. Allianzen. Verträge. Unterredungen.
Verhandlungen. Auf dem Buckle der Völker Unterschlagungen –
Wie sehr haben sie dieses Welt-,,Konzil‘‘ überflutet eingelullt.

Europa wird noch mehr vergreisen,
Los, Jean-Jacques, rühr dich!
Aber pass auf, verletz nicht die Wasservögel die dich da umkreisen
Im improvisierten Tierpark:
Du kannst nicht wissen dass der Balkan aufgemischt ist,
Mein Kosova noch einmal in Blut getaucht wird. Aufgerührt ist es!

Ich habe dichbesucht. Habe eine petite promenade auf deiner INSEL gemacht.
Sehr nachdenklich hochst du da auf dicjen Büchern,
Büchern über Emile, den Gesellschaftsvertrag, über usw.,…uew.!…

Rühr dich nicht, du könntest die Vorschriften der Natur verletzen!
Jean-Jeacque. Bonne nuit! Rühr dich nicht vom Fleck!Genf, Januar 1990

BLUTBLUME*) IN DER BRUST

Was soll ich andres tun für euch
Als euch zu küssen auf die kalte Stirn!

Was soll ich andres tun für euch
Mit diesen Gepäck blutiger Jahre in der Welt?!
Was soll ich tun
Mit eurer Blutblume in der Brust
Auf dem weisslichen
Dem verwundeten Feld Kosovas
Im erschlagenen Gewissen Europas?!

Was soll ich tun
Mit eurer Blutblume in der Brust!
Ich welches Parlament sie schiken
Zu welcher Konferenz
(Friedens— oder Kriegs-),
In welche Metropole
An welche Grenze
An welche Mauer
Die Berliner die es nicht mehr gibt!
Die Chinesische die taubstumm ist!
Die am Morina-Pass**), blutgetränkt…
An welche Horizont
In welches Schaufenster soll ich legen
Zur Zierde aufhängen
Um das erschlagene Gewissen zu heilen!

Was kann ich andres für euch tun
Und für eure Körper, zerschmettert
Vom Dum-Dum-Geschossen
Des Kalemegdan***)!?
Ausser so zu werden
Wie ihr
Ausgestreckt auf meinem Boden für immer
Um Mauern einzureissen,
Konferenzen und Parlamente der Welt aufzurütteln
Endgültig,
Und dann die Grosse Sonne
auf die Blutblume in der Brust Kosovas zu legen!

1990
————————————————————
*) Anm.d.Übers.: Albanischer Name des Johanniskrauts (lulegjaku)
**)Anm.d.Übers.: Pass zu Fussen des Berges Pashtrik, an der Grenze zur Republik Albanien
***) Anm.d.Übers.: Belgrad Burg


SCWEIGEN UND RAUHREIF

Auf der Strasse aiuf der du gingst
Rügrt sich, redet, atmet jetzt nichts.
Auf der Strasse auf der du gingst
Sind Gehsteig, Menschen, Gedanken
Von Schweigen und Rauhreif überzogen.
Du hast mir nicht einmal ein Wort gesagt
Af der Strasse auf der du gingst
Sie bleibt mir als Geisel, als Trost
Wenn ich hier vorbeikomme
In Feurnächten
An Rauhreiftagen


BALLADE VOM VATER

Am Tag der rötlichen Jahrezeit
Starb mein Vater
Im Allgemeinen Krankhaus Prishtina
Nach langer Operation, vier Studen dauerte sie,
An einer gelben Krankheit! Ganz gelb!

Dann hiess es er hätte Krebs gehabt.
Und die Krankheir wurde erforscht, weit weit fort,
Mit Skalpell und blauem Licht des OP,
An einem Tag der rötlichen Jahreszeit, der reifen Jahreszeit,
Diente mein Vater auch der Wissenschaft.

Seimn Lebenslauf ist nichts Tolles, nichts Hochtrabendes.
Einer von Dorf. Maurer.
Hat Hochhäuser verputzt. Schulen. Selbstbedienungsläden,
Und das Allgemeine Krankenhaus Prishtina.

Hat auch die Schule seines Dorfes gemauert.
Mauern. Dächer. Bürgersteige.
Hat Reihen von Festern verputzt,
Hat dann Rahmen und Scheiben
In fünfundvierig Fesnter eingesetzt.

Unter diesem Dach
Durch diese Fenster sahen
All seine Nachkommen die Welt mit Kinderaugen.
Jetzt sieht am elften Fenster
Vaters siebtes Kind die Welt
Mit offenen Augen,
Die Schwester in der fünften Klasse, Lumnije…

Sein Lebenslauf ist nichts Tolles, nichts Hochtrabendes.
Einer von Dorf. Maurer.
Hat Hochhäuser verputzt. Schulen. Selbstbedienungsläden
Und das Allgemeine Krankenhaus Prishtina. (1979)

IM HANDUMDREHEN

Im Handumdrehen kann ein Herbst mit Regen kommen
Ein Früling mit Blumen kann kommen.

Im Handumdrehen können wir die Namen vergessen
Uns selbst vergessen im Handumdrehen.

Im Handumdrehen beginnt etwas zu sterben in uns
Beginnt etwas zu entstehen in uns.

Ein Handumdrehen noch und du kannst zu mir nicht kommen,
Ein Handumdrehen noch und ich kann zu dir nicht kommen.

Denn im Handumdrehen haben wir die Namen vergessen, uns selbst
Haben einander vergessen im Handumdrehen.


SCHRÄGE SONNE

Eisblumen sind aufgegangen an der Schwelle meines Herzens
Kalt ist ihr Duft, Kalt ist ihre Farbe.
Der Frühling ist da doch was ist mit der Sonne
Mit ihren Strahlen beisst sie dich ohne jede warme Spur.

Wie schlecht! Alles ist kalt
Für die Menschen die so sehr sie heute wärmt
Diese schräge Alpensonne.
Die Eisblumen meines Herzens schmilzt sie nicht.